Freude an den Tieren im Park in Zeiten der Vogelgrippe ?


Wissen schützt, Panik schadet. Nachdem die Vogelgrippe auch in Deutschland aufgetreten ist, sind viele Menschen verunsichert. Obwohl sich manche ältere Mitbürger noch an die Zeiten erinnern, in denen die Menschen auf dem Lande mit gelegentlichen Ausbrüchen von Hühnerpest ohne große Aufregung lebten, hat das Wiederauftreten der Tierseuche rational nicht nach zu vollziehende Ängste ausgelöst. Kann ich denn heute noch unbesorgt im Park spazieren gehen, in dem so viele Wasservögel leben ? Warum wird von einer Fütterung von Wasservögeln durch Privatpersonen bei akuten Ausbrüchen dringend abgeraten ?

Zunächst die wesentlichen Fakten: Richtig ist, daß die heute als "Vogelgrippe" bezeichnete Geflügelerkrankung ein erhebliches wirtschaftliches Risiko für die Geflügelzüchter bedeutet und entsprechende Sicherheitsmaßnahmen gegen das Einschleppen des Virus ergriffen werden müssen. Richtig ist auch, daß nicht ausgeschlossen werden kann, daß auch in Deutschland vielleicht mal ein Mensch an der Vogelgrippe erkranken oder sterben könnte. Angesichts von mehr als 5000 Menschen, die jedes Jahr in Deutschland im Straßenverkehr sterben, und durchschnittlich mehr als 10 000 Todesfällen jährlich durch die "normale" Grippe
(humane Influenza)
, erscheint die vom derzeitig grassierenden Virus H5N1/Typ Asia ausgehende Bedrohung angesichts von bislang weltweit ca. 100 Todesfällen durch Vogelgrippe in zehn Jahren als ziemlich unbedeutend. Dies beruht darauf, daß Menschen sich an H5N1/Typ Asia nur anstecken können, wenn sie sehr, sehr hohen Viruskonzentrationen ausgesetzt sind. Die werden an der frischen Luft sicher nicht erreicht, auch wenn ein kranker Vogel direkt über ihren Kopf hinwegfliegen würde. Deshalb hat sich bisher weltweit noch nicht ein einziger Mensch durch Kontakt mit einem Wildvogel angesteckt. Und bei einer zufälligen direkten Berührung mit Vogelkot, reicht einfaches Händewaschen mit Seife, um eventuell vorhandene Viren abzutöten. Eine übrigens auch zur Vorbeugung gegen die normale Grippe bewährtes Verfahren.

Wenn man selbst zu Hause Nutzgeflügel hält, ist mehr Vorsicht geboten, da z. B. Hühner auch durch niedrige Viruskonzentrationen gefährdet werden, die für den Menschen völlig unkritisch sind. Einfache Maßnahmen wie Schuhe und Kleidung wechseln, wenn man vorher in Kontakt mit Wildgeflügel gekommen ist, erscheint wegen der enormen wirtschaftlichen Konsequenzen einer Verschleppung selbst in einen kleinen Hausgeflügelbestand unbedingt empfehlenswert. Das jetzt für kommerzielle Geflügelzuchtbetriebe geltende Verbot, Fremde in die Ställe zu lassen, ist eine sehr sinnvolle Maßnahme, um die Lebewesen zu schützen, die durch die Vogelgrippe tatsächlich extrem gefährdet sind, nämlich Hühner und anderes Hausgeflügel in Intensivhaltung.

Für Wildvögel ist das Virus dagegen keineswegs so gefährlich, wie es auf den ersten Blick scheint. In Mecklenburg-Vorpommern sind im Winter 2006 an dem Virus nur 120 Vögel verendet, 120 Tiere von mehr als einer Viertel-Million, die dort zur Zeit den Winter verbringen, das sind weniger als 0,1 %. Selbst von den besonders empfindlichen Schwänen starben weniger als 1% der dort lebenden Tiere. Sobald man diese Hintergrundzahlen kennt, die leider in den Medien kaum genannt werden, wird man den Spaziergang zu den Enten im Park allein oder mit Enkelchen wieder unbeschwert genießen können und nicht in jedem Vogel gleich einen Todeskandidaten geschweige denn einen Todesboten sehen.

Wenn das so ist, warum dann die sichtlich große Nervosität der Politiker, fragt sich allerdings der kritische Mitbürger. Dies beruht auf der Befürchtung, daß es irgendwann zu einer genetischen Veränderung des Virus kommen könnte, die den Vogelvirus zu einem für den Menschen stark ansteckenden Virus werden läßt. Dann würde es durch solche eine Veränderung des Virus zu einer weltweiten gefährlichen Grippeepidemie (Pandemie) kommen. In diesem Fall steckt man sich allerdings nicht bei Tieren sondern bei seinen Mitmenschen an. Auch in diesem Fall wäre der Spaziergang im Park also ungefährlicher als das enge Zusammentreffen mit Menschen im Bus, beim Einkaufen oder im Büro. Und ein durch regelmäßige Spaziergänge in der frischen Luft trainiertes Immunsystem ist für Alt und Jung in jedem Falle von Vorteil.

Warum aber soll man denn insbesondere in Vogelgrippezeiten bei seinem Spaziergang durch den Park nicht die Enten füttern, wenn das mit der Vogelgrippe weder für Wildtier noch Mensch so gefährlich ist ? Nun, das beliebte Entenfüttern führt dazu, daß sich in einem Gebiet mehr Wasservögel aufhalten als normalerweise. Vor allem scharen sie sich bei der Fütterung auf engstem Raum zusammen, während sie sich bei der natürlichen Nahrungssuche weit verteilen. Nicht nur für die Vogelgrippe sondern für alle Krankheiten gilt, daß die Übertragungsgefahr durch enges Zusammenkommen steigt. Falls also ein infizierter Vogel von außerhalb einfliegt, ist die Gefahr die im Park lebenden Vögel anzustecken viel größer, wenn sie durch das Hinwerfen von Futter an einer Stelle zusammengelockt werden. Und was es auf Grund der Vorschriften zum Schutze des Nutzgeflügels für die Menschen und die Hausvögel in der Umgebung bedeutet, wenn irgendwo eine Wildvogel-Infektion auftritt, weiß jeder aus dem Fernsehen. Deshalb wird die Einhaltung des allgemeinen Fütterungsverbotes, das generell dem Schutze der Teiche und der Tiere dient, in Vogelgrippezeiten besonders streng überwacht. Der Lohn für den Verzicht auf das beliebt Füttern ist die Möglichkeit die Tiere bei ihrem natürlichen Verhalten zu beobachten, das zudem viel spannender ist als das Streiten der Tiere um zugeworfene Brothappen. Zum anderen werden sich bei ausbleibender Zufütterung, die nur wenigen Arten wie Stockente, Höckerschwan und Bläßhuhn zu Gute kommt, zwar die Zahl der Tiere reduzieren, dafür aber der Artenreichtum zunehmen. Die Uferzonen regenerieren sich und es entsteht Lebensraum für viele andere Arten. Nutzen sie die jetzige Situation, um die Teiche und ihre Bewohner aus einem ganz neuen Blickwinkel kennenzulernen. Sie werden staunen, was es alles zu entdecken gibt. Wenn Sie Anregungen brauchen, hilft das Buch "Schwäne und andere Stars am Ententeich" (ISBN 3-00-012105-6) mit vielen lustigen Fotos und kurzen Texten Jung und Alt Freude an den Tieren im Park durch Beobachten statt Füttern zu finden.

ViSdP: Prof. Dr. Ingrid Schmidt, Diplombiologin, Bad Nauheim

Stand: April 2007



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